Chronisches Nierenversagen / (Chronische Niereninsuffizienz)
Von Niereninsuffizienz spricht man, wenn die Niere ihre Funktionen verliert.Der Begriff Insuffizienz ist aus den lateinischen Begriffen "in-" für "un-" und "sufficiens" für "hinreichend" oder "genügend" zusammengesetzt. Die Niere bringt also nicht mehr genügend Leistung. "Chronisch" bedeutet, dass die Zerstörung des Nierengewebes über Jahre hinweg langsam fortschreitet.Die häufigste Ursache für das chronische Nierenversagen ist Diabetes, gefolgt von Nierenentzündungen, Bluthochdruck und chronischer Schmerzmitteleinnahme.
Stadien und Symptome
Die Niereninsuffizienz wird nach ihrem Schweregrad in fünf Stadien eingeteilt. Je höher das Stadium, umso fortgeschrittener ist die Erkrankung.
Das formale Hauptkriterium für diese Einteilung ist ein Laborwert, die so genannte Glomeruläre Filtrationsrate (GFR). Durch die Bestimmung der GFR lässt sich eine Nierenschädigung am frühesten erkennen. Die GFR zeigt an, wie gut die Nieren "harnpflichtige" Stoffe ausscheiden. "Harnpflichtig" nennt man beim Stoffwechsel entstandene Abbauprodukte, die über die Niere ausgeschieden werden. Wenn diese Ausscheidung nicht mehr ausreichend ist, steigt die Konzentration der harnpflichtigen Substanzen im Blut an, die Abbauprodukte beeinträchtigen die Funktion wichtiger Organsysteme des Körpers. Zu den harnpflichtigen Stoffen gehören zum Beispiel:
- Kreatinin, ein Produkt des Muskelstoffwechsels,
- Harnstoff, ein Endprodukt des Eiweißstoffwechsels und
- Harnsäure, ein Endprodukt des Zellstoffwechsels.
Der Normalwert der GFR für Kreatinin liegt bei 95 bis 110 ml pro Minute. Das heißt, eine gesunde Niere reinigt pro Minute mindestens 95 ml Blut von Kreatinin und scheidet es mit dem Urin aus.
Erst wenn dieser Wert deutlich unterschritten wird, steigt auch der Kreatinin-Wert im Blut an. Würde man nur Kreatinin im Blut bestimmen, würde man erst viel später erkennen, dass die Nieren nicht mehr richtig arbeiten.
Stadium 1:
GFR größer 90 ml/min
Der Wert zeigt an, dass die Nieren noch normal arbeiten. Die Blutwerte der harnpflichtigen Substanzen sind zu diesem Zeitpunkt im Normbereich, aber möglicherweise wird bereits Eiweiß vermehrt im Urin ausgeschieden. Im Stadium 1 muss genau untersucht werden, warum die Nieren nicht mehr hundertprozentig arbeiten und was man dagegen tun kann. Ziel ist es, durch die Behandlung der Krankheitsursache einer weiteren Verschlechterung der Nierenfunktion vorzubeugen.
Wenn eine Niereninsuffizienz in diesem Anfangsstadium diagnostiziert wird, ist es meist ein Zufallsbefund, denn zu diesem Zeitpunkt haben die Patienten keinerlei Krankheitszeichen. Auf die Nierenerkrankung stößt man in diesem Fall meist während einer Laborkontrolle von Blut und Urin, zum Beispiel bei der Abklärung eines Bluthochdrucks.
Stadium 2:
GFR zwischen 60 bis 89 ml/min
Auch im Stadium 2 ist die Diagnose einer Niereninsuffizienz nicht immer nur durch eine Blutuntersuchung zu erkennen. Oberflächlich betrachtet funktionieren die Nieren weiterhin ausreichend, bei genauer nephrologischer Diagnostik werden aber Defizite erkennbar.
Bluthochdruck und Diabetes gehören zu den Erkrankungen, die besonders häufig zu einer Nierenschädigung führen. Ist eine solche Erkrankung bekannt, muss sie behandelt werden, bei gezielter Therapie lässt sich ein Fortschreiten der Nierenschädigung wirkungsvoll verhindern. Oberstes Ziel muss es sein, einer Verschlechterung der Nierenfunktion entgegenzuwirken oder den Zustand zumindest zu stabilisieren.
Stadium 3:
GFR zwischen 30 bis 59 ml/min
Die Nierenschädigung ist nun soweit fortgeschritten, dass auch im Blut erhöhte Kreatinin- und Harnstoffwerte auffallen. Spätestens jetzt sind die Symptome offensichtlich: Betroffene klagen über Bluthochdruck (Hypertonie), Leistungsminderungen und rasche Ermüdbarkeit. Meist sind diese Symptome von den Patienten nur schwer deutbar, denn sie lassen zunächst keinen Rückschluss auf das Organ Niere zu.
Im Stadium 3 steigt das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich an. Medikamente, die normalerweise über die Nieren wieder ausgeschieden werden, müssen in ihrer Dosis reduziert werden, damit sie keine Nebenwirkungen verursachen.
Stadium 4:
GFR zwischen 15 bis 29 ml/min
Verschlechtert sich die Niereninsuffizienz weiter, nehmen auch die Beschwerden zu - unter anderem Appetitlosigkeit, Erbrechen, Übelkeit, Nervenschmerzen, Juckreiz und Knochenschmerzen. Der Körper kann über die Niere weniger Salze und Wasser ausscheiden und dadurch entstehen Wassereinlagerungen, so genannte Ödeme (z.B. an den Beinen oder im Gesicht).
Im Stadium 4 sind schon so viele Nierenzellen defekt, dass die mangelhafte Ausscheidung der harnpflichtigen Substanzen den gesamten Organismus in Mitleidenschaft zieht. Lange Zeit machte man dafür das ständige Ansteigen dieser Stoffe im Blut verantwortlich. Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch nachgewiesen, dass die Höhe der harnpflichtigen Substanzen im Blut und die Schwere der Symptome nur bedingt miteinander in Beziehung stehen. Die Niere ist eben mehr als ein Filter - sie hat Einfluss auf viele Körperfunktionen wie zum Beispiel die Blutdruckregulation, den Wasser-, Salz- und Säure-Basenhaushalt, den Knochenstoffwechsel und die Blutbildung. Ist die Niere nicht mehr leistungsfähig, gerät der gesamte Organismus aus dem Takt - es kommt nicht "nur" zu einer Vergiftung, sondern unter anderem auch zum Mangel an lebenswichtigen Stoffen.
Einer der Ursachen für die Ermüdbarkeit liegt dort, wo man ihn ihm Rahmen einer Nierenerkrankung zunächst vielleicht nicht vermutet - im Mangel an roten Blutkörperchen. Neben ihrer Aufgabe als Filteranlage stellt sie Hormone und Signalstoffe her. Einer dieser Stoffe ist das Erythropoetin (EPO), das Vielen als Doping-Mittel im Sport bekannt sein dürfte. EPO verstärkt die Bildung roter Blutkörperchen. Diese bringen lebensnotwendigen Sauerstoff in alle Körperzellen und sind daher für die Leistungsfähigkeit des Organismus unerlässlich. Weil die Bildung von EPO zu 90 Prozent in der Niere stattfindet, wird immer, wenn Nierenzellen zugrunde gehen, auch weniger EPO hergestellt. Daraufhin nimmt die Zahl der roten Blutkörperchen ab und das bedeutet geringeren Sauerstofftransport zu den Zellen: weniger Sauerstoff in den Zellen führt zu leichterer Ermüdbarkeit des ganzen Körpers. Da diese Blutarmut (Anämie) durch die Niereninsuffizienz bedingt ist, spricht man von einer "renalen Anämie".
Vor 1989 konnte die renale Anämie nur mit Bluttransfusionen und Anabolika behandelt werden. Seitdem EPO als Medikament zugelassen ist, kann man die Anämie gezielter, einfacher und vor allem ohne große Nebenwirkungen behandeln. Dass dieses Medikament für Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz zugelassen ist, gilt als einer der größten Fortschritte in der Behandlung von Nierenpatienten im letzten Jahrhundert.
Spätestens im Stadium 3 muss ein Nierenspezialist (Nephrologe) mit in die Behandlung einbezogen werden. Durch gezielte medikamentöse Therapie und Änderung von Ernährung und Trinkverhalten kann man dieses Stadium oft noch einmal vorübergehend in die vorhergehende Phase zurückführen, bzw. das Fortschreiten verlangsamen. Werden die Medikamente allerdings nicht eingenommen oder kommt es zu neuen Zusatzerkrankungen(zum Beispiel Infektionen) schreitet die Erkrankung weiter voran.
Stadium 5:
GFR unter 15 ml/min
Fallen die Nieren vollständig aus, spricht man von einer terminalen Niereninsuffizienz, exakter aber von Niereninsuffizienz Stadium 5. Jetzt müssen schnell Gegenmaßnahmen ergriffen werden - unbehandelt vergiftet der Körper. Der Organismus muss von den Giftstoffen mittels verschiedener Nierenersatzverfahren gereinigt werden: Blutwäsche (Hämodialyse, HD), Bauchwäsche (Peritonealdialyse, PD) oder Nierentransplantation. Leider stehen viel zu wenige Spendernieren für die vielen Dialysepatienten zur Verfügung, daher ist meist eine mehrjährige Wartezeit an der Dialyse unumgänglich. Alternativ kann eine Nierentransplantation in speziellen Fällen bereits vor dem Stadium 5 durchgeführt werden, wenn ein Lebendspender aus der Familie zur Verfügung steht. Trotz regelmäßiger Dialysebehandlung (HD oder PD) hinterlässt die terminale Niereninsuffizienz ihre Spuren, wie z.B. eine gelbliche Verfärbung der Haut oder Juckreiz. Beides liegt an der Einlagerung von harnpflichtigen Substanzen in die Haut. Weitere Probleme bei terminaler Niereninsuffizienz sind die notwendige starke Einschränkung der täglichen Trinkmenge, Blutdruckschwankungen und Muskelkrämpfe unter der Behandlung sowie Sensibilitäts- oder Herzrhythmusstörungen. Dies macht deutlich, dass auch durch regelmäßige Dialyse die Nierenfunktion nicht komplett ersetzt werden kann. Ohne Dialyse wäre andererseits aber kein Überleben möglich.