Nachruf Prof. Dr. Eberhard Ritz

: Prof. Dr. h.c. mult. Eberhard Ritz, Ehrenmitglied der DGfN, ist am 29.10.2023 nach langer Krankheit in Heidelberg verstorben. Er war einer der national und international bedeutendsten zeitgenössischen Nephrologen.

Eberhard Ritz war in jeglicher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung und wird allen, die mit ihm zusammenarbeiten durften, zeit ihres Lebens in guter Erinnerung bleiben. Besonders bemerkenswert waren sein visionäres Gespür für die Themen, die in der Nephrologie Bedeutung erlangen würden, und sein exzellentes, geradezu fotografisches Gedächtnis, welches ihm erlaubte, Dinge, die er einmal gelesen oder gehört hatte, nicht nur zu erinnern, sondern sie auch in größere Kontexte einzuordnen und jederzeit exakt abzurufen. Nicht minder eindrucksvoll ist seine humanitäre Überzeugung, die er als Arzt in Heidelberg genauso umgesetzt hat wie als Redner und engagierter Fachvertreter in den zahlreichen von ihm bekleideten Positionen. Jeder, der ihn kannte, weiß um seine Begeisterungsfähigkeit und seinen schier unermüdlichen Elan, aber auch um seine Bescheidenheit, wenn es um seine eigene Person ging. Die DGfN hatte ihn bereits anlässlich seines 80. Geburtstages im Jahre 2018 mit einem Sonderheft gewürdigt, aus dem im Folgenden die wichtigsten Eckpunkte seines bewegten und inhaltsreichen Lebens in Erinnerung gerufen werden sollen:

Eberhard Ritz wurde 1938 in einer bereits sehr schwierigen Zeit in Heidelberg geboren. Schon bald zeigte sich, dass er mit vielerlei Talenten gesegnet war. Als Schüler hatten es ihm das Klavier und die klassische Musik angetan, eine lebenslange Leidenschaft, der er sich nach seiner Emeritierung wieder intensiver widmen konnte. Die Kriegsjahre führten ihn zusammen mit seine Mutter und seiner Schwester zunächst nach Bayern und dann wieder zurück nach Heidelberg, wo er das Abi­tur ablegte. Danach entschied er sich für das Studium der Humanmedizin, welches er in Heidelberg, Montpellier und München absolvierte. Nach klinischer Ausbildung in Zürich bei Prof. Siegen­thaler, den er verehrte und immer wieder gerne zitierte, und wissenschaftlich auf dem Gebiet der Biochemie der Arteriosklerose in den USA, trat er 1967 in die Heidelberger Medizinische Klinik (Ludolf Krehl Klinik) ein, der er bis zu seiner Emeritierung treu blieb. In die Nephro­logie kam er eher durch Zufall, als ihn sein damaliger Chef, seinem eigenen Bekunden nach aufgrund seiner „Aufmüpfigkeit“, in die Dialyse zwangsversetzte. Obwohl diese damals noch junge Disziplin in der inneren Medizin nicht seine eigentliche Intention war, stellte er sich dieser Aufgabe mit der ihm eigenen Beharrlichkeit und entwickelte so seine Begeisterung für die klinische und wissenschaftliche Nephrologie, die ihn zu einem international führenden Vertreter machte. Zeit seines Lebens gab er seinen Enthusiasmus und Ansporn auch an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter. Das neu gegründete, weitgehend selbstständige Heidelberger Nierenzentrum leitete er bis zu seiner Emeritierung 2003 und blieb ihm auch noch danach wissenschaftlich weiter eng verbunden.

Eberhard Ritz war ein gleichermaßen begnadeter Kliniker wie Wissenschaftler, dem es in seiner langen Karriere gelang, in mehreren wichtigen Gebieten der Nephrologie „Duftmarken“ (wie er es gerne ausdrückte) zu setzen. Insbesondere das Thema kardiovaskuläre Erkrankungen bei chronischer Nierenkrankheit und deren Folgen sowie der Knochen- und Mineralstoffwechsel und die diabetische Nephropathie hatten sein Interesse geweckt. Als einer der ersten Wissenschaftler überhaupt erkannte er darüber hinaus bereits Anfang der 1990er-Jahre die große Bedeutung von pränataler Programmierung für Nierenerkrankungen und Bluthochdruck und bearbeitete dieses heutzutage nicht mehr wegzudenkende Thema sehr konsequent und innovativ mit vielerlei Kooperationen bis weit nach seiner Emeritierung.

Insbesondere die Kombination aus klinischer Beobachtung und unterschiedlichen experimentellen Ansätzen, der Ansatz „from bed to bench“ zur Überprüfung von Hypothesen, zeichnete sein jahrzehnte­langes erfolgreiches wissenschaftliches Arbeiten in besonderem Maße aus. Sehr oft war er zur Umsetzung seiner Ideen auf nationale und internationale Kooperationen angewiesen, die er wie kaum ein anderer initiierte und pflegte und sich so ein gut funktionierendes Netzwerk an hochkarätigen Kooperationspartnern erarbeitete. Seine unglaubliche wissenschaftliche Produktivität, die er bis weit nach seiner Emeritierung nahezu ungemindert fortgesetzt hat, findet ihren Niederschlag in über 1.500 Einträgen in Pubmed und zahlreichen Buchartikeln und Beiträgen zu klinischen Standardwerken der Nephrologie.

Seine vielfachen wissenschaftlichen Auszeichnungen umfassen neben dem Franz-Volhard-Preis und der Franz-Volhard-Medaille der GfN/DGfN auch international hochkarätige Preise wie den „Lifetime Award“ der ERA-EDTA, den „Jean-­Hamburger Award“ der ISN und den „John Peters Award“ der ASN, über den er sich zuletzt besonders gefreut hatte. Die ERA hat mittlerweile auch einen ihrer renommierten Wissenschaftspreise nach Eberhard Ritz benannt. 

Ein weiteres besonders bemerkenswertes Verdienst von Eberhard Ritz ist die intensive Betreuung und selbstlose Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und hier vor allem auch die Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen aus Mittel- und Osteuropa. Diesem besonders bemerkenswerten Aspekt der Vita von Eberhard Ritz wird eine separate Würdigung durch Herrn Prof. Andrzej Wiecek, den Past ­President der EDTA, Schüler und guten Freund von Eberhard Ritz, in NDT gewidmet sein.

Ganz in der Tradition des nationalen und internationalen Austauschs auf höchster Ebene gründete Prof. Ritz 1976 das Seminar für Nieren- und Hochdruckkrankheiten in Heidelberg, kurz das „Heidelberger Seminar“. Eberhard Ritz hat es stets verstanden, dieser Veranstaltung ein internationales Flair zu geben, indem er prominente Kolleginnen und Kollegen aus allen Teilen der Welt und insbesondere den USA als Gastredner einlud. Heidelberg und das „Heidelberger Seminar“ sind so zu einem festen Begriff in der nephrologischen Welt geworden. Die Verbindung aus hohem wissenschaftlichem Anspruch und herzlicher, persönlicher Gastfreundschaft hat bei vielen seiner Zeitgenossen bleibende Erinnerungen geschaffen. Seit 2016 wird das „Heidelberger Seminar“ von einer Gruppe seiner Schülerinnen und Schüler (­Johannes Mann, Martin ­Zeier, Danilo Fliser, Christian Morath, Matthias Schaier, Vedat ­Schwenger sowie Kerstin Amann und Maria Walla) in seinem Sinne weitergeführt; nächstes Jahr findet es zum 48. Mal statt. Dieses hochkarätige und stets aktuelle Seminar enthält bereits seit einigen Jahren zu seinen Ehren die „Eberhard Ritz Lecture“, in der prominente Weggenossen von Eberhard Ritz seine Verdienste für die Nephrologie und Hypertensiologie in besonderem Maße darstellen und würdigen.

Doch Eberhard Ritz holte die neuesten Erkenntnisse in der Nephrologie nicht nur nach Heidelberg, er trug sie auch selbst sehr aktiv in die Welt hinaus. Er war ein äußerst gefragter Redner bei unzähligen Kursen, Symposien und Kongressen und ein geschätzter akademischer Besucher an führenden Universitäten. Seine Sprachbegabung und die Fähigkeit, seine Vorträge in vielen verschiedenen Sprachen halten zu können, trugen hierzu maßgeblich bei. Insgesamt neun ausländische Fachgesellschaften kürten ihn zum Ehrenmitglied. Die Universitäten in Göttingen, Bologna und Straßburg haben ihm Preise verliehen und die Universitäten von Kattowitz, Stettin, Budapest und Iași haben ihn mit einer Ehrendoktor­würde ausgezeichnet.

In zahlreichen nationalen und internationalen nephrologischen Fachgesellschaften hat er aktiv mitgewirkt, u. a. in den Editorial Boards ihrer Zeitschriften. Die für ihn zweifellos wichtigste dieser Aufgaben war seine Funktion als zweiter Editor-in-Chief von „Nephrology, Dialysis and Transplantation“, abgekürzt NDT, von 1993 bis 1999. In dieser Zeit erreichte er es, dass NDT ein spannendes und in jeder Hinsicht für die klinische Tätigkeit bereicherndes Journal wurde, dem er für lange Zeit seinen Stempel aufdrücken konnte. Ohne dass er sich von der Arithmetik von Zitations­indizes beeindrucken ließ, hat er für die wissenschaftliche Nephrologie in Europa in diesen Jahren eine ganz wichtige und nachhaltige Plattform geschaffen.

Prof. Ritz war nie ein typischer Funktionär von Fachgesellschaften, der in Ämtern Erfüllung gefunden hat, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, auch auf Vorstands­ebene Verantwortung zu übernehmen, sowohl in der ehemaligen GfN als auch in der ERA-EDTA und vor allem in der ISN, deren Präsident er von 2007 bis 2009 war. Dabei hat er die jeweiligen Fachgesellschaften vor allem als wichtiges Vehikel gesehen, um Ausbildung, Forschung und Patientenversorgung in der Nephrologie voranzubringen und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch auf europäischer und globaler Ebene.

Den Menschen Eberhard Ritz zeichneten neben seinem ganz besonderen Humor und seiner unglaublich schnellen Auffassungsgabe großer Fleiß und eine enorme Selbstdisziplin aus, die er benötigte, um seine stets hohen Ziele zu verfolgen. Gleiches verlangte er auch von seinen Mitarbeitenden und Kooperationspartnern. Diese wurden wiederum durch seine bedingungslose Unterstützung und durch ein schier grenzenloses Wissen belohnt, was ihr berufliches Fortkommen natürlich sehr beförderte. Sein besonderes Wesen wurde komplettiert durch ein großes Interesse und umfangreiches Wissen über Geschichte, Kunst und Kultur, das in seiner umfassenden Bildung wurzelte, und mit dem er stets zu überraschen wusste. Nicht ohne Stolz behauptete er sehr glaubhaft, in Heidelberg eine Stadtführung geben zu können, die besser sei als alles, was offiziell angeboten würde.

Stetige umfassende und wertvolle Unterstützung erfuhr Eberhard Ritz durch seine großartige Familie, allen voran seine Ehefrau Dr. ­Christina Ritz, mit der er 45 Jahre verheiratet war. Sie war als sehr geschätzte Kinderärztin lange erfolgreich in eigener Praxis in Heidelberg aktiv, auch wenn ihr zweifellos die Hauptlast der Erziehung der vier gemeinsamen Kinder oblag, für die Eberhard Ritz ein zwar nicht immer anwesender, aber stets präsenter und liebevoller Familienvater war. Mittlerweile fünf Enkelkinder, die in Eberhard Ritz einen äußerst humorvollen und sehr stolzen Opa hatten, komplettierten die Großfamilie. Wer ihn persönlich im charmanten und liebevollen Umgang mit seiner Familie erleben durfte, hegt keinen Zweifel daran, dass dieses intakte Familienleben und die uneingeschränkte Unterstützung für ihn eine absolut notwendige Voraus­setzung für die Umsetzung seiner großen wissenschaftlichen und klinischen Ambitionen waren und ihn zu dem machten, was seine Freunde A. Heidland, M. ­Koppel und S. Massry 1998 als „unique ­phenomenon in the world nephrology community“ bezeichneten (Am J Nephrol 1998).

Wir werden diesen einzigartigen Menschen und Kollegen Eberhard Ritz sehr vermissen.

Kerstin Amann,
Maria Walla,
Martin Zeier und
Kai-Uwe Eckardt

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