Nachruf Prof. em. Dr. Eberhard Frömter

Am 24. Juni 2026 verstarb in Frankfurt am Main, das ihm nach unsteten Jugendjahren seit 1967 zur Heimat geworden war, Prof. Dr. Eberhard Frömter in seinem 91sten Lebensjahr. Er war einer der bedeutendsten Nierenforscher seiner Generation und ein sehr beeindruckender Mann.

Ich habe ihn, als ich selbst noch ein junger Mann und Assistent in Zürich war, 1985 auf einer Tagung in Frankfurt kennengelernt. Da war er ein Mann in seinen Fünfzigern. Groß, schlank, um nicht zu sagen: hager. Dunkeläugig. Ein strenger Blick und schweigsame Körpersprache. Ein knapper, wohlgepflegter Vollbart, dunkel, spitzig unten am Kinn. Die ganze Person: von einer Aura der Ernsthaftigkeit und der Strenge umweht. Jedem Unsinn abhold. Er erinnerte, auf den ersten Blick, an einen spanischen Ritter, einen Granden längst vergangener Jahrhunderte. Wie aus einem Roman von Cervantes.

Hatte ich einen Respekt. Zumal, weil ich – als Nierenforscher – wusste, was Professor Frömter damals schon für das Fach geleistet hatte. Als ich ihn dann näher kennen lernte, war er aber gar kein hochfahrender spanischer Caballero, sondern ein überaus freundlicher und hilfreicher Mann, wenn auch die Ernsthaftigkeit und eine gewisse Strenge nie ganz von ihm wichen. Aber das gehört ja bei einem exakten Wissenschaftler eigentlich dazu.

Hinter Gestus und Habitus also: ein freundlicher Mann aus Schlesien, aus Goldberg, wo er 1935 auf die Welt kam. Am Ende des Krieges vertrieben aus seiner Heimat, in Westdeutschland umherziehend und in München, Erlangen und Hamburg Medizin studierend, von schmalen Stipendien und allerlei Jobs sich nährend. 1961 wurde er in München approbiert und mit einer physiologischen Forschungsarbeit promoviert. Hernach praktizierte er als Medizinalassistent zwei Jahre lang an verschiedenen Krankenhäusern, ohne aber sein Glück in der Klinik zu finden. Das nämlich fand er in der Forschung. 1963 wurde er Assistent am Physiologischen Institut der FU Berlin, im Labor von Prof. Karl Julius Ullrich. Dessen Arbeitsgruppe, die 1967 an das Max-Planck-Institut für Biophysik nach Frankfurt am Main übersiedelte (und Eberhardt Frömter mit ihr) war, sozusagen, das Avalon der deutschsprachigen Nierenphysiologie, Prof. Ullrich der Artus, und der Aufnahme (die an sich schon eine Ehre war) in diese Tafelrunde folgte später in vielen Fällen der Ritterschlag der Berufung auf Ordinariate und ordentliche Professuren. So auch bei Eberhard Frömter. 1970 habilitiert, wollte die Bonner Universität ihn 1980 haben, er wollte aber nicht dorthin und nahm 1983 den Ruf auf eine C4-Professur für Physiologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main an. Und blieb und ward in Frankfurt heimisch.

Nur an der Tafelrunde gesessen zu haben, reicht freilich nicht. Auch die wissenschaftlichen Aventüren des Knappen müssen den Ritterschlag rechtfertigen. Und das taten sie allemal, sowohl vor als auch nach der Berufung. Professor Frömters Lanzen waren die hauchfeinen Elektroden des Elektrophysiologen, und die terra incognita, die er durchstreifte und mit ihnen durchdrang, war die Elektrophysiologie von Epithelien, insonderheit eben die der Nierentubuli. Aber auch an den Ausführungsgängen der Schweißdrüsen hat er geforscht. Hic erant leones: Er hat als erster die elektrischen Potentialdifferenzen, die die Transportvorgänge über diese Epithelien mit antreiben, korrekt gemessen, konnte zeigen, dass der Wassertransport in den Epithelien, trotz des Vorhandenseins von tight junctions, auch parazellulär erfolgt. Und ohne diesen Transport, wie die Lehrbücher heute lehren, funktioniert die Niere nicht. Er hat – in den Ausführungsgängen von Schweißdrüsen – die Chlorid-Permeabilität untersucht und bei dieser Gelegenheit bemerkt, dass die im Falle der Mukoviszidose stark herabgesetzt ist. Das war die erste, elektrophysiologische Charakterisierung des cystic fibrosis transmembrane conductance regulators (CFTR) und die Voraussetzung für dessen spätere genetische Identifikation und für einige Therapien, die an diesem Chloridkanal ansetzen.

Als ich 1996 nach Frankfurt berufen wurde, traf ich ihn hier wieder. Er war mir, auf meinem akademischen Weg, ein stets unterstützender und motivierender Begleiter, und ich denke, er hat auch in Frankfurt manch gutes Wort für mich eingelegt. Er war ein hochgeschätzter und – wie könnte es anders sein – sehr besonnener akademischer Lehrer und hat sich als Lehrbeauftragter jahrelang um die Belange der physiologischen Lehre gekümmert. Ja, seine Seminare galten, wie er, als "ernst". Aber zugleich auch als entspannt und fair. Die Studenten schätzten und respektierten ihn, und seine Kollegen ebenso.

Dann geschah, zur Jahrtausendwende, etwas Unerfreuliches. Professor Frömter wurde 65. Und wurde emeritiert und in den Ruhestand versetzt. Er hätte gerne weitergemacht, nur: Man hat ihn nicht gelassen. Nicht aus wissenschaftlichen Gründen, Gott bewahre, der Mann war einer der Leuchttürme der Frankfurter Forschung – nein: universitäre Strukturpolitik. Der ganze Lehrstuhl wurde kassiert. Das waren die Windmühlenflügel, das waren die Drachen, die jenen Ritter bezwangen. Aber er war, soweit ich das sagen kann (und ich kann ein wenig darüber sagen, denn ich war später für bald zwei Jahrzehnte lang Dekan), nie ein guter Politiker, sondern stets nur (das „nur“ ist hier ein Kompliment) ein ernsthafter, vor allem seinen Forschungsgegenständen und seinen Studenten und Schülern zugewandter Professor.

Professor Frömter hat sich über seine Zwangsverabschiedung bitter beklagt. Als man ihm, bald danach, im Jahr 2001 den international höchst renommierten „A.N. Richards – Award“ verlieh, schrieb er, für jedermann und alle Zeiten sichtbar, in ¡Kidney International“ den folgenden Text, den in einer Endnote (1) zu zitieren ich mir hier die Freiheit nehme.

„The most bitter time of my life“. Ein Ritter, traurig, aber von großartiger Gestalt, denn es ist die Grandeur des Granden, die Courtoisie des Ritters, den bitteren Kelch zu leeren, aber dabei nicht zu verbittern. Und das tat er nicht. Stattdessen zog er sich in ein sehr bescheidenes "Emerituszimmer" am Fachbereich zurück, das ihm zu "verlängern" ich, als ich Dekan ward, das Vergnügen hatte (wie wenig, was man für seine Förderer tun kann!). Er arbeitete, schreibend und denkend, in bescheidenerem Rahmen, weiter, solange es ging. Er erschien bei den Treffen der Emeriti, blieb uns verbunden. Und hat, zusammen mit seiner Frau, später, zu jedermanns Überraschung, die Forschung, Lehre und Krankenversorgung am Fachbereich Medizin und am Klinikum mit einer wirklich ansehnlichen Spende für eine Stiftung, die mit uns assoziiert ist, bedacht.

Ansehnlich ist die Zahl seiner – zumeist internationalen – Ehrungen: Feldberg Award (UK), Homer W. Smith Award (USA), Aufnahme in die Academia Europaea (UK), Aufnahme in die Nationale Akademie der Wissenschaft, Leopoldina (D), A.N. Richards Award (USA). Die Gesellschaft für Nephrologie hat ihm 1999 die Franz Volhard Medaille verliehen.

Uns am Fachbereich Medizin der Goethe-Universität in Frankfurt – ganz lokal – aber auch die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie ehrt es besonders, ihn in ihren Reihen gehabt zu haben.

Josef Pfeilschifter (Frankfurt am Main)

[1] „Actually, I am afraid that I do not merit the honor that you have bestowed upon me. However […] I accepted, because this surprising news helped me to overcome one of the most bitter times of my life. German law had just forced me into retirement, I had just dissolved my laboratory, I had given away or disposed of all my equipment, books and papers, and all my coworkers had left. More deplorably, all of this had happened when we had just obtained some novel insight into the mechanism of regulatory adjustment of a transport molecule that I had been studying for more than 25 years: the rheogenic Na-HCO3 cotransporter in the basolateral cell membrane of renal proximal tubule.“ FRÖMTER, Eberhard. Acceptance of the 2001 AN Richards Award. Kidney International, 2003, 63. Jg., Nr. 6, S. 2334.

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